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70 Jahre Stromlinienautomobile von Mercedes
Die Verringerung des Luftwiderstandes an Karosserien ist fast so alt
wie das Auto selbst.
Schon vor 1914 gab es verschiedene Konstrukteure die sich die
Stromlinie als Hobby gönnten, Alfa Romeo (Graf Ricotti) oder eine Opellimousine
und nicht zu vergessen, das Elektro-Automobil (La jamais contante), welches
als erstes Fahrzeug die 100 km/h überschritt bzw. überfuhr, anno 1898.
Nach 1918 wurde die Aerodynamik mit Stromlinienformen wissenschaftlich
angegangen. Die 1920er Jahre waren auch immer noch nicht reif die Kunden
damit zu beglücken. Erst in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre waren
die Begüterten "In" mit einem meist Pseudo-Stromlinienwagen. Pseudo hin
oder her, alles was irgendwie länglich – geschwungen war, bekam das Prädikat
Stromlinie. Am Rennen um den möglichst kleinsten Luftwiderstandsbeiwert
beteiligten sich u. a. Altmeister Paul Jaray, Edmund Rumpler war schon
1926 ausgeschieden, obschon sein Tropfenwagen mit Cw 0,28 den besten Wert
hatte. Da waren noch Prof. Wunibald Kamm und Freiherr Reinhard Koenig-Fachsenfeld.
Deren beste Ausführungen sich mit Cw ab 0.30 bemühten dem Lufwiderstand
aus dem Weg zu gehen. Alle diese Aerodynamiker befanden sich im deutschsprachigen
Raum. Aber, da war doch noch einer von dem bis jetzt noch nicht die Rede
war, von Dr. Ing. Karl Schlör von Westhoffen-Dirmstein (1911-1997). Er
kam 1936 von Krauss-Maffei bei München, zu der Aerodynamischen Versuchs-Anstalt
Göttingen e. V. (AVA). Diese war dem Kaiser-Wilhelm-Institut Göttingen
unter der Leitung von Prof. Dr. Ludwig Prantl (1875-1953) integriert.
Dort wurde bereits durch Dipl.-Ing. A. Lange an einem Stromlinienmodell
geforscht und gezeichnet. Dieses Design entsprach etwa der Jaray-Form
mit auslaufendem Heck, in verbesserter Darstellung. Im Modell-Windkanal
des Institutes wurde ein sagenhafter Cw von 0,14 gemessen, allerdings
mit Abdeckung aller 4 Räder. Wenn man das Windkanal-Modell betrachtet,
so entspricht dieses noch nicht der Wirklichkeit, um einen genaueren Cw-Wert
zu ermitteln. In dieser Zeit, ohne dass das Projekt zu Ende geführt werden
konnte, schied Ing. A. Lange aus seinem beruflichen Arbeitsplatz aus.
Dr. Ing. Karl Schlör über nahm diese Tätigkeit.
Mit seinem Mitarbeiter Hans Becker wollten sie die Arbeiten von Ing. Lange
nicht fortführen, sondern entschieden sich für eine Einvolumen-Karosserie.
Die Grundform zeigte ein Tragflächenschnitt. Modellwindkanal-Messungen
ergaben angeblich einen Luftwiderstandsbeiwert von bescheidenen Cw 0,113.
Die Verantwortlichen fanden dieses Ergebnis so gut, dass entschieden wurde,
den Wagen zu bauen. Als Fahrgestell wurde ein Mercedes 170H durch Karl
Schlör ausgelesen. Es wurde noch einiges geändert, wie Mittellenkung und
entsprechend die Pedalerie dazu. Das Windkanalmodell wurde auf der IAA
1938 in Berlin ausgestellt. Ein Jahr danach sahen die Besucher den fertigen
Wagen, welcher in der Zwischenzeit bei den Gebrüder Ludewig in Essen karossiert
worden war. Die Karosseriefirma Ludewig hatte schon einige Erfahrungen
mit Stromlinienaufbauten, vor allem mit Bussen auf Opel-Blitz Fahrgestellen.
Im 1:1-Windkanal in der AVA brachte der Cw 0,189, die beste Messung Cw
0,186, eine absolute Sensation.
Was dazu verhalf war der abgedeckte, geschlossene Boden, die Fenster welche
mit der Aluaußenhaut bündig waren und nicht, wie damals üblich 4-6 cm
weiter davon entfernt. Für Frischluft im Inneren konnten die vorderen
und die hinteren Fenster mit je einem Ziehbeschlag von oben nach innen
gezogen werden und in der Front wurde eine Klappe eingebaut. Wobei die
beiden Ziehbeschläge nicht der Sicherheit der fahrenden dienten, man konnte
sich bei einer Vollbremsung oder bei einem Unfall zusätzlich noch den
Kopf hefig anstossen. Trotz der Alu- Karosserie war der Wagen etwa 250
kg schwerer als die Serien-Limousine. Die AVA hatte den ersten 1:1- Windkanal
Mitte des Jahres 1938 erhalten, also noch bevor das Forschungsinstitut
für Kraftfahrwesen Stuttgart (FKFS) unter der Leitung von Prof. W. Kamm
ihren 1:1-Windkanal hatten.
Der Schlörwagen, wie er von nun genannt wurde war bei einem Radstand von
2.60 m, 4.33 m Länge, die Höhe betrug bei einer Bodenfreiheit von 20 cm,
1.48 m an der höchsten Stelle. In der Breite schlug er wahrscheinlich
alles was es damals gab auf den Strassen, mit 2.10 m. Diese Breite kam
daher, weil die Vorderräder innerhalb der Karosserie drehten, die Hinterräder
waren abgedeckt. Daimler-Benz hatte mit ihren beiden Heckmotor-Varianten,
den Typen 130 und 170 H, ihre Kundschaft nicht gerade beglückt, sodass
keine großen Verkaufszahlen resultierten. Beim 170 H waren dies von 1935-1939
ganze 1.507 Exemplare. Ob das Schlörfahrgestell dabei war?
Die Reihen-4-Zylinder längs hinter der Hinterachse waren in schnellen
Kurven, wobei schnell ca. 70 km/h waren, schlecht aus der Kurve zu steuern
und erst noch auf der Straße zu bleiben. Der 170 H leistete bei 3.200
U/Min. 38 PS. Das Gewicht des Fahrgestelles brachte 650 kg auf die Waage,
mit der Limousinen-Karosserie ganze 1.100 kg. Wie gesagt, der Schlörwagen
in Aluminium brachte noch zusätzliche 250 kg. Also rund 1.350 kg Leergewicht.
Die Höchstgeschwindigkeit betrug beim Serienwagen ca. 105 km/h, beim Stromlinienwagen
lockere 134-136 km/h. Beim Verbrauch wurden auf 100 km, 8 Liter und 10-12
Liter zu Gunsten des aerodynamischen Fahrzeuges ermittelt.
Nun, nachdem die Tests abgeschlossen waren, wurde der Wagen in eine Ecke
gestellt und ein Tuch darüber gelegt, weil die Kraftfahrtforschung am
Institut kriegsbedingt aufgegeben wurde. Es folgten nun die Jahre 1939-1945.
Auch Dr. Ing. Karl Schlör durfte Militärdienst absolvieren, allerdings
seinen beruflichen Fähigkeiten entsprechend. Er wurde mit seinem Freund
und Mitarbeiter Hans Becker nach Riga entsandt. Beim LKW-Werk von Mercedes
einquartiert wurden Propellerschlitten aus Beuteteilen zusammengebaut.
So wurde auch einmal zu Beginn dieser Aktion, ein 5-zylindriger M11 Sternmotor
mit einer Leistung von ca. 130 PS, eine Konstruktion der Russen, als Beuteteil
beansprucht. Darauf hin schlug jemand vor, man könnte den eingemotteten
Schlörwagen damit bestücken und testen, ja vielleicht sogar in Russland
einsetzen. Gesagt und getan, der Motor wurde nach Göttingen mit der Bahn
transportiert. Der Schlörwagen wurde entmottet, der Mercedes- Motor amputiert
und dafür der Russenmotor mit Propeller hinten drauf montiert. Das klappte
sogar und auch noch bestens. Nach den Standschubversuchen wurden nun die
Geschwindigkeitsverhältnisse auf der Autobahn festgestellt. Dazu lassen
wir Dr. Ing. Karl Schlör von Westhoffen-Dirmstein in seiner Veröffentlichung
"Der deutsche Motor- Schlitten/Seite 19 und 20, herausgegeben in: Deutsche
Forschungsanstalt für Luft und Raumfahrt e.V. 1992", selbst berichten: "Dazu musste man aber aus der Versuchsanstalt herausfahren und
die Stadt (Göttingen) und ihre engen Straßen passieren, um endlich die
Auffahrt zur Autobahn zu erreichen. Ein sowieso andersartig gestalteter
Personenwagen, wie er es nun einmal war und dazu noch ein donnernder Flugmotor
mit Propeller hintendran, konnte nur mit polizeilicher Extragenehmigung
diese Fahrt antreten. Und dabei geschah es. Bis zur Groner Landstraße
konnte man durchfahren. Dort an der Kreuzung stand, wie üblich ein Polizist,
der – wie konnte es anders sein –zunächst einmal den Wagen anhielt. Also
die Pulle raus und den Motor im Leerlauf rumpsen lassen, rumpeldirumpeldirumpel.
Mittlerweile füllten sich die Bürgersteige mit Jung und Alt und Männlein
und Weiblein und als alle da waren, hob der Polizist seinen Arm und gab
die Fahrt frei. Ja - also - die Pulle rein und dröhnend und fauchend blies
der Propeller - ein riesen Gebläse in der engen Straße - wie ein Orkan
und die Hüte flogen, die Röcke hoben sich und die gaffende Menschheit
stand bloss und frei solange, bis der Spuk vorbei war. Das Göttinger Tagblatt
hatte für den nächsten Tag seine Sensation und das trug - wieder einmal
- zum Ruhm des Kaiser-Wilhelm-Institut und der Aerodynamischen Versuchsanstalt
in Göttingen in populärster Weise bei. Auf der Autobahn Göttingen-Kassel
mit längeren Steigungsund Gefällstrecken wurde mit Propellerantrieb durch
den Wagen eine Geschwindigkeit von 180 km/h erzielt, die zugleich das
maximal Zulässige für die Fahrzeugkonstruktion bedeutete. Die Aerodynamik
trug hier nichts mehr dazu bei, es war die reine Kraft welche den Wagen
vorwärts trieb. Ob dabei der Verbrauch ermittelt wurde, möglich ist aber
nicht mehr überliefert (oder?). Das Versuchsfahrzeug war schliesslich
kein Rennwagen."
Dieser Versuchswagen mit Propellerantrieb wurde nach verschiedenen Debatten
bei den zuständigen Herren nicht in Russland eingesetzt, sondern gelangte
nach dem finnischen Rovaniemi, als Propellerdruck-Prüfstand. Wie und wann
der Schlörwagen wieder zurück nach Deutschland kam wurde nicht beschrieben.
Nach Kriegsende ging Dr. Ing. Karl Schlör zum bayrischen Staatsministerium
nach München, für Verkehrsangelegenheiten. Hier war er zuständig für die
Kfz-Industrie und Reifen-Importe der Alliierten. Er machte auch den Vorschlag
Vorkriegs-Fahrgestelle von DKW mit seiner Karosserie zu versehen. Es gab
zwar schon in den 1930er Jahren einen Stromlinien- DKW mit Heckmotor,
aber nur als Einzelstück. Die DKW-Geschichte ging nicht weiter, leider,
oder es ist heute schlecht vorstellbar ein DKW mit einem 600 ccm 2-Taktmotor
und ein Leergewicht von 1.350 kg sich herumschleppend und Fahrgäste und
Gepäck und damit später (nach 1948) über den Gotthard nach Italien in
die Ferien zu fahren. Die englischen Besatzer hatten das Kaiser-Wilhelm-
Institut und damit auch die AVA aufgelöst. Heute heißt das Institut Deutsche
Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt e. V. Der Schlörwagen wurde
beschlagnahmt, der Wagen wurde nicht wieder herausgegeben. Angeblich wurde
er nach England gebracht. Dort steht er möglicherweise noch heute in einem
Verlies. Dr. Karl Schlör traf man später wieder für kurze Zeit bei Krauss
Maffei in München. Zwei Mal hat er sich mit Stromlinien-Projekten befasst,
eine undatierte Zeichnung von einem Sportcoupé mit Propellerantrieb. Ebenfalls
nicht umgesetzt wurde die Schnittzeichnung vom 28. Mai 1949, sie blieb
auf dem Papier, wie so manches. Später ging er zu Teves, dem Bremsen-Spezialisten,
wo er mit dem bekannten Phyiker Fritz Ostwald zusammenarbeitete. Beide
waren sehr interessiert an dem neu herausgebrachten Motor von Felix Wankel.
Geschäftlich und beruflich wurde jedoch nichts daraus.
1983 setzte sich Dr. Karl Schlör nochmals ans Zeichenbrett und brachte
einen neuen Wagen auf’s Papier für seine Techno-Transfer GmbH. Die deutschen
Autohersteller hatten überhaupt kein Interesse daran. Das war ja auch
vor 25 Jahren, heute sähe das wahrscheinlich anders aus. 1991 wurde das
nächste Windkanal-Modell in Sindelfingen im kleinen Windkanal von Mercedes
getestet, was angeblich ebenfalls einen Luftwiderstand von Cw 0,19 ergab.
Aber das Ergebnis war am glatten Modell gemessen. Das waren dann seine
Lebensaufgaben gewesen. 1997 nach längerem Spitalaufenthalt ist Dr. Ing.
Karl Schlör verstorben.
Bionic Mercedes Concept Car 2005. Mercedes hatte schon einige
ConceptCars auf die Räder gestellt. Eine interessante Kombination war
der Bionic aus dem Jahre 2005, also noch recht jung, im Gegensatz zum
Schlörwagen. Der Mercedes Bionic- Car ist, oder besser gesagt war ein
Forschungsauto und müsste streng genommen in der Bezeichnung ein F und
eine Zahl haben, aber so heißt er Bionic. Die Schlör- und Bionicwagen
haben denselben Luftwiderstandsbeiwert von Cw = 0,19 und sehen trotzdem
nicht gleich, uniform aus. Die aerodynamische Form und Struktur wurde
von einem Kofferfisch abgeleitet, so Mercedes. Dieser Kofferfisch tummelt
sich in tropischen Gewässern und ist deshalb in Europa nahezu unbekannt.
Trotz seiner relativ plumpen Form ist er ein ausgezeichneter Schwimmer.
Der originalgetreue Modellbau bei Mercedes brachte einen aerodynamischen
Idealwert von Cw 0,06. Die Autoentwicklung von DaimlerChrysler nutzte
dieses große Potenzial. Es wurde zunächst ein Automodell im Maßstab 1:4
entwickelt, welches dem Kofferfisch entsprach. Dieses Tonmodell wanderte
in den Windkanal, dort wurde ein sehr niedriger Luftwiderstandsbeiwert
ermittelt, Cw 0,095. Dieses Ergebnis entspricht den Werten, welche mit
Stromlinienkörpern (Cw 0,09) und anderen aerodynamischen Idealformen erzielt
werden. Vom Kofferfisch wurde noch weiteres übernommen, so ist er ein
Musterbeispiel an Steifigkeit und Leichtbau. Seine Außenhaut besteht aus
einer Vielzahl sechseckiger Knochenplatten. Diese sind so gewachsen, daß
sie bei minimalem Gewicht ein Höchstmaß an Festigkeit bieten und das Lebewesen
wirksam vor Verletzungen schützen.
Hätten die verantwortlichen Designer die K-Form (Abgeschnittenes Heck
von Prof. Wunibald Kamm 1938/39 im FKFS) z. B. mit einer sehr kurzen Front,
in der heutigen Zeit verfeinert, wären sie vermutlich auf denselben Cw
gekommen und hätten den Kofferfisch nicht zu bemühen gebraucht. Aber sonst
hätten die Meisten den Kofferfisch gar nicht kennen gelernt. Der Kofferfisch
aber brachte doch noch etwas Neues, nämlich die Struktur mit ihrer Leichtigkeit
und Festigkeit, welche man bis dahin gar nicht im Karosseriebau gekannt
hatte.
Was Schlussendlich daraus resultierte, ist der Mercedes-Benz BionicCar,
ein funktionstüchtiger, fahrbereiter Kompaktwagen von 4.24 m Länge, bei
einem Radstand von 2.57 m, 1.81 m Breite und in der Höhe 1.59 m, mit einem
Luftwiderstandsbeiwert von CW 0,19. Er bietet geräumigen Platz für vier
Passagiere mit Gepäck.
Nicht nur das Design ist sensationell, sondern auch das Innenleben der
Mechanik. Der eingebaute moderne Dieselmotor mit 140 PS (man beachte,
dass der 5-zylindrige Sternmotor M 11 nur ca. 130 PS entwickelte). Die
Höchstgeschwindigkeit beträgt 190 km/h, die 100 km/h werden nach 8,2 sec.
überfahren. Er verbraucht 20% weniger Diesel (4.3 Liter/100 km) und erzeugt
bis zu 80% weniger Stickoxide (Angaben von DaimlerChrysler). Maßgeblich
dazu trägt die neuartige SCRTechnologie (Selective Catallytic Reduction)
bei. Bei gleichmäßigen 90 km/h liegt der Verbrauch sogar bei 2,8 Liter
Diesel. Weiter hilft das "AdBlue" die Stickoxide zu reduzieren. Dies ist
eine wässrige Harnstofflösung, welche je nach Motorbetrieb genau dosiert
in die Abgasanlage eingespritzt wird. Sie ermöglicht die Umwandlung der
Stickoxide in unschädlichen Stickstoff und Wasser. Der plombierte Vorratsbehälter
für die Harnstofflösung ist in der Reserveradmulde untergebracht. Mercedes-Kunden
in den USA werden als Erste mit dem SCR ab 2008 beglückt.
Austro Classic Ausgabe 4/08
Text: Hanspeter Bröhl
Photos: Dipl.-Ing. Karl Schlör, AVA-Archiv, heute DLR (Fotograf nicht
mehr bekannt, sollte der Fotograf hier seine eigenen Bilder sehen bitte
um Benachrichtigung). Daimler AG
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